Heute im Briefkasten: G.Rag y los Hermanos Patchekos – Hold Fast

Vor ein paar Wochen hatte ich es hier schon angekündigt, heute gestern lag das neue Album von G.Rag y los Hermanos Patchekos im Briefkasten. Endlich neues Futter, schließlich sind die Patchekos nicht nur eine meiner Lieblingsbands, über die ich an dieser Stelle auch schon das eine oder andere mal geschrieben habe, sondern laufen bei mir auf Heavy Rotation – last.fm weist immerhin fast 500 Plays für die letzten 12 Monate aus (man beachte bitte auch den Disclaimer am Ende).

Record Release ist am Freitag (20. März) im Ampere in München – inklusive großer Geburtstagsfeier.

Denn insgesamt zehn Jahre hat die Kapelle jetzt schon hinter sich gebracht und „Hold Fast“ eingerechnet sieben Alben veröffentlicht. Zeit eine Zwischenbilanz zu ziehen, könnte man meinen. Und tatsächlich zeigen die insgesamt 13 Stücke die Bandbreite der Patchekos auf – auch wenn der explizit bayrische Einschlag wohl komplett an das Nebenprojekt „Landlergschwister“ delegiert wurde – schade drum.

Aber gehen wir das Werk Schritt für Schritt durch, ein Track nach dem anderen. Und da ja das 10-Jährige ansteht, ordnen wir die Tracks auch gleich mal in die Werkgeschichte der Patchekos ein:

Traversia Caliente: Instrumentaler Latino-Opener. Nett, routiniert, aber zu brav, zu gerade. Das ging schon mal dreckiger (Jeux des Dames von der 2003er Cadeau Bizarre, z.B.). Der Bläsersatz ist aber klasse.

Gambling Bar Room Blues:
Der Singing Brakeman – an Göttern dürfen sich nur wenige ungestraft vergreifen. G.Rag gehören manchmal dazu. Ich hätte schwören können, dass es schon Jimmie Rodgers-Cover von den Hermanos gibt, doch da muss ich mich wohl geirrt haben. Aber in einer Reihe mit Hank Williams und Woody Guthrie macht sich Jimmie sehr gut. Klasse der gewohnt nölige Megaphon-Gesang. Ein schöner, intensiver Blues. Einfach gut.

Nervous Breakdown: Black Flag-Cover, Punkrock-Stück Nr. 1 auf dem Album. Ich hab den Eindruck, G.Rag wollen zeigen, wo sie herkommen. Schließlich haben einige der Musiker in einschlägigen Punk-Kapellen gespielt. Warum es unbedingt den Track erwischt hat – ja mei, aber so ging’s mir mit Long Distance Runner auf der Radio Tijuana auch schon. Nervous Breakdown war übrigens auch schon auf der Berliner Live-EP.

Cajun Maid: Einer der Tracks, die vorab veröffentlicht wurden und mir wirklich den Mund wässrig gemacht haben. Vollkommen zurecht. Ein schöner Zydeco mit Akkordeon und Waschbrett und allem drum und dran.

Mi Barrio: Schön, entspannt, schräg. Ein Track zum Autofahren. So ein bisschen wie TVs Funeral. Aber nur ein bisschen.

Rags’n’Bones: NoMeansNo-Covern hat bei den Patchekos Tradition. Now war live immer großartig, und auch auf Platte ein echter Kracher. Aber Rags’n’Bones ist ein eher sperriges Stück, das hier leider überhaupt nicht zündet. Schade. Der Gesang ist hier der deutliche Schwachpunkt.

Le Massacre du Melodica: Der Titel sagt alles. Groß. Rock’n’Roll mit Melodica. Erinnert leicht an Swing France vom Vorgänger-Album Lucky Goddam.

Get on Board: Der zweite Pre-Release und ein echter G.Rag. Getragen, ergreifend, schön. Ich denke mal, dass das ein Cover ist – aber ich kenne das Original nicht. Über Hinweise in den Kommentaren wäre ich dankbar. [UPDATE: Ich kenne das Original. Das ist es nämlich. Dankan Ernesto im Kommentar]

Swing Vergol: Die Live-Version aus dem Cafe Burger mochte ich irgendwie nicht. Und auch diese Aufnahme hat ein bisschen gebraucht, bis sie gezündet hat. Ein Uptempo-Instrumental mit klasse Trompeten und schönen Tempo-Wechseln.

Jockey Full of Bourbon: Für mich die Enttäuschung des Albums. Das Original von Tom Waits (ich sprach schon von Göttern) ist nicht zu toppen – und doch haben G.Rag damals auf Radio Tijuana was ganz Besonderes draus gemacht – die Stimmung eingefangen, die Intensität erreicht – ohne kopieren zu wollen. Aber das hier – über alles darf man die Latino-Soße dann doch nicht kippen. Daneben.

Influence: Nett, aber nicht wirklich notwendig. Steel drum galore. Big Boys-Cover, glaube ich.

J’ai Tardé: Kommt mir nicht ganz ausgereift vor – erinnert ein wenig an Camera, ist wohl auch ein Cover.

Cold Cold Heart: Am Schluss muss noch ein Gott dran glauben. Hank Williams. Den können sie wieder. I’m so lonesome, Ramblin‘ Man, Weary Blues, Yambalaya waren allesamt gut – und jetzt Cold Cold Heart. It’s Walzer-Time, Baby!

Fazit:
Das Album bildet für mich irgendwie keine Einheit – zu unverbunden stehen tolle Eigenkompositionen neben mal mehr, mal weniger gelungenen Coverversionen und auch Tracks, die ich eher als Füllmaterial empfinde. Die Patchekos sind braver geworden – kein Vorwurf, sind ja auch alle ein paar Jährchen älter – aber etwas mehr Punk-Feeling statt Punkrock-Covern hätte dem Ganzen gut getan.

Aber alles das sind Kleinigkeiten. Ich freue mich über das neue Material und wir werden am Freitag im Ampere sicherlich ein großartiges Geburtstagsfest feiern. Herzlichen Glückwunsch von dieser Stelle schon jetzt!

Disclaimer: Ich habe die Patchekos vor zehn Jahren das erste mal im Cafe der Glockenbachwerkstatt in München gesehen. Einige Mitglieder kenne ich sogar noch länger – aus Zeiten, als ich selbst noch Musik gemacht habe. Und so kommt es auch, dass ich in den Genuss und die Ehre habe, vorab ein Rezensionsexemplar erhalten zu haben. Danke nochmal an Senor Ernesto. Und das obwohl ich von Musikjournalismus nicht die geringste Ahnung habe, und nur meine Eindrücke als begeisterter Laie wiedergebe.

Ein Gedanke zu „Heute im Briefkasten: G.Rag y los Hermanos Patchekos – Hold Fast

  1. Danke für die großangelegte und auch kritische Auseinandersetzung mit dem neuen "Werk". Freut mich sehr. Zur Info: "J'ai Tardé" & "Get on Board" sind G.Rag-Originale. Bis Freitag!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.